Die sich selbst fremd werden

Drei Menschen, drei Schicksale
Sie ist eine kleine, feine Frau, die Helga von Beritz: Der Körperbau ist zierlich, das schlohweiße Haar ist modern geschnitten und ihr Gang verrät eine gewisse Eleganz. Man sieht ihr die 80 Jahre nicht an, die braunen Augen blicken wach und interessiert. Ihr Sohn Dieter hat sie gerade nach Hause gebracht. Sie hat an einem Essen in der Diakonie teilgenommen – das tut sie immer gern. Jetzt macht er ihr noch einen Kaffee, erklärt ihr, welches Geschirr sie nehmen soll und schreibt ihr auf einen Zettel, wann er wiederkommt. Dann lässt er mich mit ihr allein.

„Nun, was kann ich für Sie tun?“, Frau von Beritz beginnt das Gespräch und schaut mir aufmerksam ins Gesicht. „Ich möchte Sie gerne kennenlernen“, antworte ich, „vielleicht mögen Sie mir etwas über sich erzählen.“ Und da spüre ich sie zum ersten Mal, die Krankheit: Helga von Beritz wird nervös, sie nestelt an ihren Blusenärmeln, rückt die Kaffeetassen zurecht. Ich spüre, dass sie Angst vor meinen Fragen hat. Sie weiß, dass sie auf Vieles nicht mehr wird antworten können. Helga von Beritz hat Alzheimer. Ihr Sohn hat sie zu sich geholt, als es zu Hause nicht mehr ging. Er hat mir erzählt, wie desorientiert Mutter oft ist, wie anstrengend und raumgreifend.
Es vergehen einige Sekunden. Dann wirft die von Beritz ihren Kopf nach hinten und lacht ein ungemein herzliches Lachen. „Aber da gibt es doch nichts zu erzählen!“, sagt sie. „Möchten Sie nicht noch eine Tasse Kaffee?“
Ich versuche, an ihren Erinnerungen anzuknüpfen: Sie weiß noch, dass sie früher in Rendsburg gewohnt hat, sie erinnert sich an den Namen ihres verstorbenen Mannes, aber nicht mehr an seinen Beruf. Sie weiß nicht mehr, was sie mal gelernt hat, was sie geliebt hat, was sie gern getan hat. Und als ich ihr Bilder aus dem alten Rendsburg zeige, scheint sie sie zwar zu erkennen, kann aber nichts damit verbinden. Oder es fehlen ihr einfach die Worte dazu – es ist, als krame sie in ihrem Kopf nach Zusammenhängen, von denen sie weiß, dass sie mal da gewesen sein müssen. Schon nach wenigen Minuten wirkt sie unkonzentriert und auch ein bisschen ungeduldig. Und so, als wäre ich nicht die erste, die etwas von ihr will, was sie schon lange nicht mehr leisten kann.

In Deutschland leiden 1,2 Millionen Menschen an Demenz
Helga von Beritz [1. Alle Namen sind geändert, die Situationen wurden verfremdet.] ist eine von 1,2 Millionen Menschen, die in Deutschland an Demenz leiden. Dabei handelt es sich um einen Oberbegriff: Demenzkranke verlieren ihre Fähigkeit zu denken, sich zu erinnern oder sich zu orientieren. Es ist, als fielen Bücher aus dem Regal der Seele, eine Erinnerung nach der anderen verschwindet – und zwar nicht zwingend rückwärts in der Reihenfolge ihres Erscheinens, sondern auch mal willkürlich oder nur für kurze Zeit.
60 Prozent der Demenz-Erkrankungen werden als Alzheimer diagnostiziert [2. Es gibt auch „sekundäre“ Formen von Demenz, vaskuläre Demenz genannt. Manche Gehirnleistungseinbußen entstehen durch Gefäß-Verengungen, die kleine Infarkte im Gehirn verursachen. Anders als bei der Alzheimer-Demenz stehen dann aber nicht Gedächtnisstörungen im Vordergrund, sondern Verlangsamung, Denkschwierigkeiten oder Stimmungslabilität. ]. Bei der Alzheimer-Demenz bilden sich feste Platten im Gehirn, die aus fehlerhaft gefalteten Beta-Amyloiden bestehen. Dazu kommen Tau-Fibrillen: In den Zellen wickeln sich Fasern auf und werden dabei so unnütz wie ein verkrelltes Springseil. Am Ende sieht das Gehirn aus wie Dörrobst. Es schrumpft regelrecht. Weil das Gehirn die Schaltzentrale des ganzen Körpers ist, kann der Kranke zuletzt weder gehen noch sprechen, weder kauen noch schlucken. Am Ende steht der Tod.