Die sich selbst fremd werden

„Ich gehe langsam aus der Zeit heraus“

Mein nächster Besuch führt mich zu Carl-Friedrich Clausen. Er lebt mit seiner Frau Ingrid in einem schmuck restaurierten Reetdach-Häuschen in schleswig-holsteinischen Binnenland. Carl-Friedrich Clausen geht es nicht gut, heute nicht und schon lange nicht mehr. Zusammengekrümmt liegt er im Pflegebett, nah am Fenster, durch das er den Forst sehen kann, den er so sehr geliebt hat. Sein ganzer Körper wirkt spastisch und verkrampft. Der Blick geht ins Leere, irgendwohin in eine „Landschaft jenseits aller Ferne“ [3. Hans Sahe in dem Gedicht „Strophen“: Ich gehe langsam aus der Zeit heraus, in eine Landschaft jenseits aller Ferne. Und was ich war und bin und bleibe, geht mit mir ohne Ungeduld und Eile als wär ich nie gewesen oder kaum. ] Manchmal stöhnt er. Oder ruft er? Es ist ein unartikulierter Laut, der einzige, den er noch machen kann. Ein lauter Laut, der sich mit nichts vergleichen lässt, der genauso empört wie trotzig und leidend klingt. „Inzwischen mache ich nachts die Tür zu“, sagt Ingrid leise. Das geht seit zwei Jahren so, das mit diesem Laut. Sie hört ihn täglich, immer die gleiche Frequenz. Er ist lauter als der Fernseher, lauter als das Telefon. Aber nachts, nachts muss sie schlafen, sonst schafft sie den nächsten Tag nicht. Darum schließt sie die Tür. Denn sie weiß: Er bedeutet nichts, dieser Laut. Er versichert ihn lediglich seiner selbst. Er, der sich selbst kaum mehr spürt, kann noch einen Laut von sich geben, er kann sich noch selber hören. Der Laut ist Ausdruck eines ungebrochenen Lebenswillens.

Jede Polizeidienststelle kannte ihn schon

„Er war ein unheimlich interessanter Mann“, sagt Ingrid, und ihre Augen leuchten dabei. Er war intelligent, gesellig, geschickt. Er kochte gerne für viele Gäste, mochte den Garten, war kreativ. Aber dann auf einmal war alles anders. „Wir laden niemanden mehr ein“, hatte er plötzlich kategorisch erklärt, und Ingrid hatte das hinnehmen müssen. Er fing an, die Wohnung umzubauen, nächtelang war er am Werkeln, wurde als Mann, als Mensch unerreichbar für sie…. Da war er gerade mal 53 Jahre alt.
Dann kamen Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, geplatzte Termine, unangemessenes Verhalten und schließlich die Kündigung. Ingrid erinnert sich an die schwere Zeit, die dann folgte: Carl-Friedrich hatte keinerlei Krankheits-Einsicht, er wurde böse, wenn sie mit ihm zum Arzt gehen wollte. Er kaufte ziellos ein, Rotwein und Linsensuppe, immer wieder. Er packte das Hähnchen mit Folie in den Ofen und ließ die Waschmaschine ohne Wäsche laufen. Er hatte im Auto Papier und Bleistift auf dem Armaturenbrett liegen: Verkehrssünder registrierte er penibel und brachte sie zur Anzeige. „Jede Polizei-Dienststelle kannte ihn schon“, sagt Ingrid verschämt. Sie merkte bald, dass Carl-Friedrich nicht mehr würde arbeiten können. Aber erst acht Jahre nach den ersten Auffälligkeiten bekam sie mit der Diagnose auch die Rente durch. Und dann erst bekam sie auch Hilfe und Rat in ihrer schwierigen Lebenssituation zu Hause.

Oft ist die Diagnostik schwierig
Möglicherweise leidet Carl-Friedrich an einer „frontotemporalen Demenz“. Bei dieser Form der Demenz fallen fast alle Patienten zunächst durch Veränderungen der Persönlichkeit und des zwischenmenschlichen Verhaltens auf. So war das bei Carl-Friedrich. Bei dieser Demenz-Form beginnt der Abbau von Nervenzellen zunächst im Stirn- und Schläfenbereich des Gehirns – das ist der Ort, von dem aus es Emotionen und Sozialverhalten kontrolliert. Die Krankheit beginnt meistens zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr. „Die Diagnostik der frontotemporalen Demenz kann schwierig sein“, schreibt Professor Johannes Pantel auf der Homepage der Alzheimer-Gesellschaft. [4. www.deutsche-alzheimer.de] „Weil zu Beginn der Erkrankung Veränderungen der Persönlichkeit und des Verhaltens im Vordergrund stehen, kommt es nicht selten zu Verwechslungen mit psychischen Störungen wie Depression, Burn-out-Syndrom, Schizophrenie oder Manie.“ Er beschreibt auch die Belastungen, die bei dieser Form von Demenz für die Angehörigen entstehen. Ingrid Clausen kann davon ein Lied singen. „Müde bin ich sowieso“, sagt sie. Sie nimmt ein Stofftier in die Hand und hält es ihrem Mann in das Blickfeld. „Guck mal“, sagt sie, „versuch’s doch mal“. Und dann bewegt sie das Püppchen sacht hin und her, bis sie merkt, dass seine Augen es fokussieren. „Na siehst du“, sagt sie und strahlt, „du kannst es doch noch!“