Die sich selbst fremd werden

Ein Vorrat von Sätzen, die immer passen

Das dritte Haus, in das ich so vertrauensvoll eingeladen bin, gehört dem Ehepaar Bottenkamp. Es liegt am Stadtrand und doch verkehrsgünstig, Ärzte und Einkaufsmöglichkeiten sind in der Nähe. Johannes Bottenkamp schlurft zur Tür, um mich einzulassen, ich höre seine Schritte. Er ist klein und ein wenig rundlich, leger aber ordentlich gekleidet. Seine Frau sei nicht da, sie hole nur schnell Schlagsahne, erklärt er mir. Und dann führt er mich in die Wohnräume, Bücherregale wohin man schaut.

„Oh, lesen Sie gerne?“, sage ich.
„Was?“, fragt er irritiert. Und gleich danach: „Jaja.“
„Nehmen Sie doch Platz“, sagt er. Und dann merke ich, dass mit ihm etwas nicht stimmt. „Vielleicht hier“, sagt er, und weist auf den Sessel. „Oder da“ und zeigt auf das Sofa. Er nimmt die Wolldecke vom Sessel, faltet sie auseinander und legt sie wieder zusammen. Und nimmt sie noch einmal hoch, faltet sie wieder auseinander und wieder zusammen und legt sie aufs Sofa. Geht um den Tisch herum, betrachtet Sessel und Sofa als wären sie Fremde, legt ein Kissen vom Sessel auf das Sofa, ein Buch vom Tisch auf den Sessel. Er wirkt plötzlich total desorientiert und als hätte er meine Anwesenheit vergessen. Dann scheint er panisch zu werden, bekommt einen roten Kopf, atmet schneller, der Blick wird hastend.
„Ich setz mich dann mal“, erkläre ich schließlich, „setzen Sie sich doch zu mir, Herr Bottenkamp.“

Johannes Bottenkamp war Professor für Physik an der Uni Essen. Als Karin, seine Frau kommt, erzählt sie mir von den vielen, glücklichen Jahren zu zweit. Sie erzählt von den Urlauben, die sie gemeinsam gemacht haben, von den Seminaren, die sie besuchten, den Konzerten und den Vorträgen. „Nicht wahr, Schatz, das war wunderbar“, sagt sie und streicht ihm dabei über die Hand. „Jaja“, sagt er dann. Und ich merke: Er ist ein Meister im Verbergen seiner Schwäche. Johannes Bottenkamp hat einen kleinen Vorrat an Sätzen, die fast immer passen. „Das ist ja für Sie nichts Neues“, sagt er gerne. Oder „Das ist kein Geheimnis“. „Man kann das so sehen, aber auch anders.“ „Sie wissen ja, wie das ist.“ Er weiß, dass er zwei Kinder hat, aber er kennt ihre Namen nicht mehr. Und als ich ihn nach ihrem Alter frage, merke ich, dass die letzten zwanzig Jahre seines Lebens-Gedächtnisses nicht mehr da sind: Seine Kinder sind inzwischen zwanzig Jahre älter. Johannes Bottenkamp hat aber noch mehr verloren: Seine großartige Intelligenz nutzt ihm jetzt nichts mehr. Die Fäden seines Lebens – sie hängen ihm lose im Gehirn, er kann sie nicht mehr verknüpfen. Er weiß nur noch, dass er ohne die liebevolle Zuneigung seiner Frau verloren wäre. „Er vergisst alles“, sagt diese in einem stillen Moment leise. „Aber er vergisst nie, sich für das Essen zu bedanken. Nicht wahr, Schatz?“