Die sich selbst fremd werden

Drei Menschen, drei Schicksale
Drei Menschen, drei Schicksale. Die Lebenswege von Helga von Beritz, Carl-Friedrich Clausen und Johannes Bottenkamp sind so verschieden wie ihre Krankheitsverläufe und -stadien. Drei Menschen, drei Schicksale und drei Familien, die damit leben müssen, dass geliebte Menschen sich selbst verlieren und ihnen immer mehr verloren gehen. „Wir brauchen Selbsthilfegruppen für uns Angehörige“, sagt Ingrid Clausen, „das hat so unheimlich gut getan.“ Es tat gut, von anderen zu hören, zu wissen, dass sie nicht allein ist mit ihren unruhigen Nächten. Hier konnte sie Tipps und Tricks auszutauschen. Das ist wichtig, denn der Umgang mit Demenzkranken erfordert Phantasie und Findigkeit. Aber es gibt jetzt keine Gruppe mehr in der Gegend. Ingrid Clausen ist dankbar, dass jetzt regelmäßig eine Hospiz-Helferin ins Haus kommt. Mit ihr kann sie einfach mal schnacken. Und mal etwas anderes hören als diesen Laut, den ihr Mann von sich gibt.
Einsamkeit ist bei allen Angehörigen ein Thema: Demenzkranke brauchen rund um die Uhr Betreuung– die Folge ist, dass ihre Angehörigen sich zunehmend isolieren. Und die Kranken fordern unaufhaltsam Kommunikation, die aber zunehmend ins Ungleichgewicht gerät. „Es ist schwer zu ertragen, wenn mein Mann immer wieder den einen Gedanken wälzt“, sagt Karin Bottenkamp. Es braucht so viel Geduld, immer wieder auf dieselben Fragen zu antworten. Karin Bottenkamp versucht, ihren Mann in den gewohnten sozialen Bezügen zu belassen. Aber das kostet sie zunehmend Kraft. Und manchmal weiß sie nicht, wie lange sie die noch haben wird.
„Ein bisschen mehr Verständnis wär gut“, sagt Dieter von Beritz. Eine Zeitlang konnte er Mutter nur mit ausgedehnten Auto-Spazierfahrten beruhigen, und es ging ihr wunderbar, wenn sie während der Einkäufe im Wagen bleiben durfte. „Man hat mir nachgesagt, ich sperrte meine Mutter im Auto ein“, sagt Dieter. „Das hat mir weh getan.“
Gut wäre, wenn mehr Menschen mehr über den Umgang mit Demenz-Kranken wüssten und ihre Berührungsängste ablegten. Demenz-Kranke brauchen zum Beispiel manchmal einfach mehr Zeit, um zu reagieren, sie freuen sich über ein einfühlsames und humorvolles Gegenüber, über Menschen, die mit ihnen auf Augenhöhe kommunizieren und sie wertschätzen. Schwierigkeiten haben sie mit Widerrede und Überforderungen. Oft ist es wichtig, die Aufmerksamkeit der Kranken auf etwas anderes zu lenken, wenn die Gedanken sich mal wieder festgefahren haben. „Es ist wie ein Sprung in einer Schallplatte“, sagt Dieter von Beritz. „Dann muss man einmal den Tonarm anheben und die Nadel neu aufsetzen.“

Demenz ist nicht die Gnade des Vergessens
Demenz ist nicht die Gnade des Vergessens: Demenzkranke werden zu Fremden ihrer selbst, und ihre Welt ist ein täglich neues, fremdes und angstmachendes Land.
Demenz-Erkrankungen nehmen zu. Für das Jahr 2030 gehen Schätzungen von 1,9 bis 2,5 Millionen Demenzkranken aus. Es ist nicht nur die Frage, wie wir uns als Gesellschaft darauf einstellen, welche Versorgungs-Möglichkeiten wir für die Zukunft brauchen und wie wir das bei jetzt schon einsetzendem Fachkräfte-Mangel bewältigen wollen. Es ist auch die Frage für jeden einzelnen, für die Familien und für die Paare. Was ist, wenn es passiert? Wie wollen wir dann miteinander leben? Wie weit sind wir bereit, in der Fürsorge für den anderen zu gehen? Es ist die Frage, ob und wie wir einander dann Würde geben können, wenn wir nicht mehr sind, die wir einmal waren.

Wichtig ist, der Scham entgegenzutreten. Demenz ist eine Krankheit, die jeden treffen kann. Es gibt keinen Grund, verschämt wegzusehen. Es gibt keinen Grund, hinter vorgehaltener Hand darüber zu reden. Demenzkranke und ihre Angehörigen sind Teil der Gesellschaft und der Kirche. Und auch wenn sie sich selbst fremd werden, bleiben sie beheimatet in unserer Mitte.

Nachwort
Ich bedanke mich herzlich für die Unterstützung durch die Stiftung Diakoniewerk Kropp und für das Vertrauen der Menschen, die mich einen Blick in ihr Leben werfen ließen.
Inke Raabe

Lesetipps:
1. Michael Jürgs: Alzheimer. Spurensuche im Niemandsland
2. Lisa Genova: Mein Leben ohne Gestern. Roman
3. Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil. Erzählung.
Filmtipps:
1. David Sieveking: Vergiss mein nicht. Dokumentation 2013
2. Richard Eyre: Iris. Drama 2001
3. Nick Cassavetes: Wie ein einziger Tag. Liebesfilm 2004