Die Würde des Menschen ist antastbar

Heide – Ein ganz schöner Klotz ist das, das Jobcenter am Anfang der Rungholtstraße. Kein Mensch ist zu sehen, kein Wunder: Ist ja auch keine Wohngegend hier, eher so ein typischer Verwaltungsstadtteil. Ich stehe vor der großen Glastür, etwas außer Atem: Endlich habe ich den Termin, auf den ich so lange gewartet habe, und ausgerechnet heute bin ich auf den letzten Drücker. „Agentur für Arbeit“ steht da noch in großen Lettern. So hieß das noch im vergangenen Jahr. Aber die verdammte Tür geht nicht auf. Drinnen arbeiten Menschen, die tun aber so, als ob sie mich nicht sehen. Ganz ruhig, denk ich mir, erst mal einen Schritt zurücktreten. Aah, „Seiteneingang benutzen“ – da ist ja doch ein Hinweis. Aber an den Seiten ist kein Eingang. Mir läuft die Zeit davon, während ich um diesen Klotz laufe und versuche, da rein zu kommen. Penetrant klopfe ich schließlich an eine der Scheiben, bis mir jemand antwortet. „Renovierungsarbeiten“, sagt der. „Das Jobcenter ist da hinten im Telecomgebäude.“ Ich bin wütend über mich selbst und wütend auf die Welt. Eine viertel Stunde zu spät. Das kann nicht gut für mein Anliegen sein.

So oder ähnlich muss es den Menschen ergangen sei, die mir ihre Geschichten erzählt haben. Sie sprachen von Angst und Ohnmacht, von Wut und Ratlosigkeit. Und vom Jobcenter, als sei es ein anonymer bedrohlicher Klotz jenseits der wirklichen Welt.
Markus Findeisen1 zum Beispiel. Er stand zwar nicht vor verschlossenen Türen, aber vor ungeklärten Zuständigkeiten. Der Familienvater ist gelernter Lackierer und zeigt mir nicht ohne Stolz seine Wohnung, die wohnlich und schön ist. Hier, im Süden der Stadt, lebt er mit seiner Frau Lea und den vier Kindern. Da reiht sich Haus an Haus in gepflegter Uniform, Mietwohnungen erbaut in den 1950-Jahren – eine erste, wirkliche Heimat für die vielen Flüchtlinge, die nach Heide gekommen waren. Nein, ein Flüchtling ist Markus Findeisen nicht, aber er hat eine Odyssee hinter sich. Und diese Odyssee begann mit dem Jobcenter. „Ich hatte eine Arbeit in Heide gefunden“, erzählt er, und so entschloss sich die Familie, von Duisburg nach Dithmarschen zu ziehen. Das Dumme war: Das mit dem Job wurde plötzlich doch nichts, der Arbeitgeber machte einen Rückzieher, als schon alles für den Umzug geregelt war. Von dem Moment an wurde alles sehr kompliziert. Immer neue Papiere musste er beibringen, teilweise mussten die in Duisburg angefordert werden, Monate gingen ins Land und die Familie bekam keinen Cent. „Wir haben vom Kindergeld gelebt“, sagt Lea zornig. „Das reichte gerade mal, um den Kühlschrank zu füllen.“ Die Miete konnten sie davon aber nicht bezahlen. Ein halbes Jahr lang ging das so.
Der Vermieter reichte erfolgreich eine Räumungsklage ein. Wenn der kommunal-diakonische Wohnungsverband nicht in Zusammenarbeit mit der Stadt Heide die Wohnung für die Familie angemietet hätte, säße sie jetzt auf der Straße – offiziell gelten sie als wohnungslos. „Man schläft schlecht unter solchen Umständen“, sagt Lea. Und Markus ergänzt: „Ich möchte so gerne weg von dieser Gängelei. Dieses Sture ……“, sagt er traurig und bringt den Satz nicht zu Ende. Es ist auch genug gesagt worden.

1Alle Namen und Umstände Betroffener geändert.