Die Würde des Menschen ist antastbar

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Karsten Böhmke, Geschäftsführer des Jobcenters, ist schockiert über diese Geschichte. „Das kann nicht sein“, sagt er und will am liebsten sofort recherchieren, was da geschehen ist. „Dafür muss es doch einen Grund geben“, setzt er nach. Was Böhmke glaubhaft versichern kann, ist dies: So etwas soll und darf nicht vorkommen. Die Mitarbeiter des Jobcenters haben großes Interesse daran, den Kunden zu helfen, sie wieder in Arbeit zu bringen, sie so weit zu versorgen, wie es der Gesetzgeber vorsieht. Teamleiter Tim Hinkfuß ergänzt: „Wenn wir so etwas hören, dann setzen wir wirklich alle Hebel in Bewegung, um den Wohnungsverlust zu verhindern.“ Nun, in diesem Fall standen die Hebel still. Markus und Lea Findeisen kommunizieren inzwischen nur noch über ihren Rechtsanwalt mit der Institution.


Der Kunde – dieses schöne Wort fällt immer wieder im Gespräch mit Hinkfuß und Böhmke. Man sehe sich als Dienstleister, sagt Tim Hinkfuß. 12700 Menschen, die Leistungen nach dem SGB II beziehen, leben zurzeit in Dithmarschen, davon sind 8800 grundsätzlich erwerbsfähig, die anderen sind Kinder, Rentner oder zum Beispiel Asylbewerber, die nicht arbeiten dürfen. Insgesamt 160 Mitarbeiter sind im Jobcenter beschäftigt. „Als Jobcenter haben wir eine arbeitsmarktpolitische und eine sozialpolitische Aufgabe“, erklärt er. Es gehe zum einen um die Sicherung des Lebensunterhalts und des Wohnraums, zum anderen aber darum, die Kunden zu fördern und etwas von ihnen zu fordern. Zum Fördern gehören die Fortbildungs-Maßnahmen, die das Jobcenter organisiert. An ihnen müssen Hartz IV-Empfänger teilnehmen, andernfalls werden sie sanktioniert – das ist dann der Aspekt des Forderns. Hier ist der Kunde nun mal nicht König.

Einer von denen, die sanktioniert wurden, ist Thomas Budzinski. Der 49-Jährige hatte fast 20 Jahre lang eine feste Anstellung in Hamburg. Aber dann ging die Firma in die Insolvenz, nach einem Übergangsjahr hatte er immer noch keinen Job, und dann wurde er krank. „Es ging um Leben und Tod“, sagt er. Um ein Haar hätte man ihm ein Bein amputieren müssen, vier Wochen lag er im Krankenhaus und hat sich in dieser Zeit nicht um die Forderungen des Jobcenters gekümmert. Da hatte er wichtige Fristen versäumt. Und als er dann seinen Pflichten nachkommen wollte, hatte man im Jobcenter seine Post angeblich nicht bekommen. „Man muss sich jeden Eingang schriftlich bestätigen lassen“, weiß er heute. Der gelernte Schlosser rutschte innerhalb von zwei Jahren vom Hausbesitzer zum Wohnungslosen herab. Wieder ist es die Stadt Heide, die Obdach gewährt und vor dem Schlimmsten bewahrt. Aber das Obdach ist eben keine Heimat, sein Zimmer ist etwa acht Quadratmeter groß, darin stehen zwei Betten. Eine kleine Küchennische teilt er sich mit seinem Nachbarn, eine Dusche gibt es nicht. Besuch darf er hier nicht empfangen. Thomas Budzinski ist zynisch geworden. „Dokumente verschwinden hier nicht“, sagt er, „die sind dann ,im Umlauf‘.“ Das bedeutet soviel wie: Irgendwo im Nirwana der vielen Räume und Sachbearbeiter.

Ganz oben unter’m Dach des Rathauses, mitten in der Innenstadt, hat Sandra Klasen ihr Büro. Sie ist Mitarbeiterin des Kirchenkreises Dithmarschen und eingesetzt für den Kommunal-Diakonischen Wohnungsverband. „Ich beobachte, dass die Menschen versuchen, Ansprüche geltend zu machen, aber dann nicht hinterher kommen mit den Papieren“, sagt sie. „Die Behörde stellt hohe Anforderungen an die Antragssteller.“ Ihr Job ist es, zwischen Jobcenter und Klienten zu vermitteln. „Übersetzen“ nennt sie es. Und auch Tim Hinkfuß und Karsten Böhmke vom Jobcenter wissen um die Schwierigkeit der Vermittlung. „Sie müssen sich mal so einen Bescheid ansehen“, sagt Tim Hinkfuß, „da steigt man als Otto-Normal-Verbraucher gar nicht durch.“ Gleichwohl bemühe man sich sehr um Transparenz und Verständlichkeit, auf der Homepage zum Beispiel gebe es viele Informationen in leicht verständlicher Sprache.
Gerhard Wiekhorst und sein Team vom Diakonischen Werk Dithmarschen verstehen sich ebenfalls als Übersetzer und Vermittler: Sie erklären den Klienten die Bescheide, telefonieren mit dem Jobcenter, wenn sie meinen, da sei etwas falsch gelaufen, versuchen Härten abzuwenden und gleichzeitig die Menschen zu ermutigen und sie zu stärken. „Das Jobcenter verlangt Dinge von den Menschen, die sie einfach nicht können“, sagt Gerhard Wiekhorst. So werde zum Beispiel erwartet, dass die Kunden sich vom Regelsatz etwas ansparen für besondere Anschaffungen wie einen Kühlschrank oder eine Waschmaschine, und genau das schaffen sie oft nicht oder müssen es mühsam lernen.
Thomas Budzinski wurde von Sandra Klasen „ordnungsbehördlich untergebracht“. Damit meint sie die Obdachlosen-Unterkünfte der Stadt, die nun mal keine Wohnungen sind und auch keine sein sollen. Eigentlich geht es hier nur darum, für zwei oder drei Nächte jemandem ein Dach über dem Kopf zu geben. Dass Budzinski jetzt schon über ein halbes Jahr dort wohnt, ist nicht im Sinne des Erfinders. Aber die 35-jährige Sozialpädagogin weiß auch um die Schwierigkeiten. „Meine Messlatte für Erfolg hängt inzwischen deutlich tiefer. Bei einigen bin ich schon froh, wenn sie regelmäßig wiederkommen.“