Die Würde des Menschen ist antastbar

Auch Peter Lechner gehört zu den Klienten von Sandra Klasen. Auch er ist wohnungslos, seit sein Vermieter ihm im März dieses Jahres kündigte. Was ist passiert? „Die letzten zehn Jahre haben mir zugesetzt“, erzählt er. Er hatte seinen Job verloren, als er 43 war. „Da war ich für den Markt ein alter Mann“ – er fand einfach keine Anstellung mehr. Hinzu kamen persönliche Probleme: Seine Frau ließ sich scheiden, er sorgte sich um die Kinder, die nicht stabil waren und ihren Vater gebraucht hätten. Er sei total abgesackt, gibt der gelernte Kfz-Mechaniker zu. Und irgendwann brannte bei ihm die Sicherung durch: Er legte sich mit seinem Sachbearbeiter an, verweigerte die Zusammenarbeit, forderte eine Verlegung der Zuständigkeiten. Der Mann habe ihn beleidigt, sagt Lechner, da habe er nicht mehr hingehen wollen. Und prompt seien die Zahlungen gesperrt worden. Ein halbes Jahr lang lebte er von Pfandflaschen, die er sammelte und zurückgab – aber für die Miete reichte das natürlich nicht. Nun ist es so, wie es ist: Er zeigt eine der Obdachlosenunterkünfte, es geht eine schlecht gearbeitete Treppe hoch zu drei nebeneinanderliegenden Räumen, die ein kleiner Flur verbindet. Bis zu fünf Männer können hier untergebracht werden. Hier gibt es keine Möglichkeit, sich einen Kaffee oder eine Suppe zu kochen, dafür gibt es aber eine Dusche. „Hier ist es schwierig“, erzählt er. Oft gibt es Streit und Randale, man habe ihn hier raus nehmen müssen, er sei in Gefahr gewesen. „Es ist alles so aussichtslos“, sagt er. Er sei es leid, sich mit den Behörden herumzuschlagen, die Bürokratie wachse ihm über den Kopf.
Die Arbeiterwohlfahrt ist für Thomas Budzinski und Peter Lechner zur zweiten Heimat geworden. Hier bekommen sie zu essen, hier dürfen sie duschen und ihre Wäsche waschen. Beide sind dankbar für diesen Dienst – aber ein Dauerzustand ist das, woran sie sich gerade zu gewöhnen beginnen, nicht.

„Man muss immer beide Seiten hören“, gibt Karsten Böhmke vom Jobcenter zu bedenken. Oft habe die Integrationsfachkraft gute Gründe für ihre Entscheidung, manchmal habe sie keine Alternative. „Der Ermessenspielraum für die Sanktionen ist gering“, sagt der Fachmann. „Natürlich machen wir auch Fehler. Aber wir tun alles, um immer besser zu werden.“ Wichtig ist für ihn die gute Zusammenarbeit mit den Kirchen und den Wohlfahrtsverbänden, wichtig ist, ein Netz für die Kunden zu knüpfen, damit sie nicht ins Leere fallen, wenn sie fallen. „Wir wissen, dass wir den Menschen viel zumuten“, sagt Böhmke. „Wir müssen uns oft in ihre intimsten Angelegenheiten mischen.“ Er nimmt seinen Beruf ernst, das wird schon deutlich.

Aber die Menschen auf der anderen Seite, die sogenannten Kunden, empfinden oft etwas anderes: Da ist die Ohnmacht und die Hilflosigkeit, da ist das Nicht-Verstehen und das Scheitern, da sind die großen Probleme, die viele schon von Haus aus mitbringen und die sie allein nicht bewältigen können. Die Würde des Menschen ist unantastbar, so schreibt es das Grundgesetz. Es irrt sich. In Wirklichkeit ist sie höchst fragil. Ohne Arbeit, ohne Wohnung ist es schlecht um sie bestellt. Behutsamkeit ist da gefragt und bedingungsloser Respekt, damit wenigstens noch Würde da ist, wenn alles andere bricht.

Inke Raabe

Ankündigung: Eine Reihe mit Radiobeiträgen zum Thema Armut in Dithmarschen wird demnächst auf NDR1 Welle Nord gesendet. Die Termine werden hier bekanntgegeben.