Meldorf – Ohne Zement geht im modernen Bauwesen gar nichts: Er bindet zuverlässig ab, kommt in jede Ritze und hält schlicht ewig. Sollte man meinen. Trifft jedoch moderner Zement direkt auf historischen Hochbrand-Gips und wirkt zusätzlich Wasser ein, kommt es zu chemischen Reaktionen – ein Zusammenhang, der bislang kaum bekannt ist und der zu erheblichen Folgeschäden bei alten Kirchen geführt hat. Diesem Zusammenhang weiter auf den Grund zu gehen, ist Ziel eines Fachtags, den der Dithmarscher Bauamtsleiter Dr. Heiko Seidel organisiert.

„Zement bindet hydraulisch ab – also auch unter Wasser –, Hochbrand-Gips benötigt dagegen Sauerstoff“, erklärt Heiko Seidel. Das chemische Abbindeverhalten von Zement unterscheidet sich grundsätzlich von der Erhärtung nicht hydraulischer Baustoffe wie Luftkalk, Lehm oder dem in unserer Region weit verbreiteten Hochbrandgips. Diese historischen Bindemittel werden hart, indem sie – vereinfacht gesagt – an der Luft trocknen. So weit, so gut. Nun hat man, seit es Zement gibt, in die alten Gipsfugen historischer Kirchen fleißig Zement gespritzt, in der Hoffnung, dem Gebäude dadurch neuen Halt zu geben. Und es stürzte immer wieder Gemeinden in tiefe Verzweiflung, wenn wenige Jahre später die Risse trotz aufwändiger Sanierung mit immensen Kosten neu auftraten und teilweise schlimmer als vorher. In vielen Fällen machte man die Architekten dafür verantwortlich, Rechtsstreitigkeiten mit unklarem Ausgang waren die Folge. Das bedauert Heiko Seidel. „Man hat die Gefahren unterschätzt: Wenn man Zement in Hohlräume von gipshaltigen Wänden verpresst, dann kann es zu einer treibmineralischen Reaktion und einer Volumenvergrößerung ähnlich der Hefe im Hefeteig kommen: Es bilden sich Salze, die zu dieser Volumenvergrößerung führen – dadurch tun sich Risse auf, und guter Rat ist im wahrsten Sinne teuer.“

Dieser Unwissenheit abzuhelfen, ist Ziel eines Fachkongresses am 16. und 17. März. Am Donnerstag, 16. März, steht eine Exkursion zu den historischen Kirchen in Bosau und Bornhöved im Mittelpunkt. Das Fachgremium um Dr. Seidel erklärt vor Ort die ältere und jüngere Bau- und Sanierungsgeschichte, was gemacht wurde und wo die Probleme liegen. Beide Kirchen sind von den genannten Problemen betroffen. Am Freitag, 17. März, stehen dann im Meldorfer Dom Fachvorträge und eine Buchvorstellung mit der Präsentation von Arbeitsergebnissen auf dem Programm. Eine besondere Chance dieses Fachtags sieht Heiko Seidel im interdisziplinären Dialog: Geladen sind Vertreterinnen und Vertreter von Kirchengemeinden, Architekten, Tragwerksplaner, Bauhistoriker, Denkmalpfleger Archäologen, Mineralogen und Restauratoren. Es geht dabei um den Austausch von Forschungsergebnissen, um Lösungsmodelle und um die unterschiedlichen Aspekte komplizierter Bauvorhaben. „Das Thema kann in Schleswig-Holstein alle Steingebäude betreffen, die vor 1850 gebaut wurden“, sagt Heiko Seidel und wünscht, dass auch Laien die Chance zur Teilnahme nutzen. Denn Zement gibt es in großem Umfang erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Seitdem wurde der Baustoff fleißig auch zur Sanierung von Kirchen benutzt – mit den genannten Problemen. Info und Anmeldung im Bauamt des Kirchenkreises Dithmarschen unter wabbel.bauamt@kirche-dithmarschen.de, Tel. 04832-972361oder unter www.kirche-dithmarschen.de

Kirchen aus Gips. Die Wiederentdeckung einer mittelalterlichen Bauweise in Schleswig-Holstein
Buchvorstellung und Fachtagung am 16. und 17.03.2017

2016-11-07 Einladung Fachtagung