Marne – Sind Kirche und Karneval eigentlich kompatibel? „Aber natürlich“, findet die Kirchengemeinde Marne und zimmert eine mobile Schlosskirche zu Wittenberg. Die dazu passende Lutherfigur entdeckten die sakralen Jecken im Dienstzimmer ihres Propstes. Am 27. Februar feiern sie ihr Debüt auf dem Rosenmontagsumzug in Marne.

Martin Luther schaut ernst. Während um ihn herum Leute mit Pinsel und Farbe hantieren, steht die schwarze Figur des Reformators bewegungslos auf der Motorhaube eines italienischen Traktors. Dieser etwas ungewöhnliche Platz ist allerdings nur von kurzer Dauer. „Er soll nachher mit auf unseren Karnevalswagen“, erklärt Pastor Dr. Jochen Hose aus Marne. „Erst müssen wir aber mit dem Malen der Kirche fertig sein.“ Auf dem knapp zwei mal drei Meter großen Aufsatz für einen Treckeranhänger steht keine geringere als die Schlosskirche zu Wittenberg – zumindest ein etwa zwei Meter fünfzig hohes Modell der Kirche, an dessen Tür der Reformator Martin Luther vor annähernd 500 Jahren seine 95 Thesen geschlagen hat. Mit dem Modell des geschichtsträchtigen Sakralbaus will die Gruppe der Kirchengemeinde Marne am 27. Februar am Rosenmontagsumzug teilnehmen.

Der Rosenmontagsumzug in Marne ist der größte Umzug in Norddeutschland. Die knapp 6.000 Einwohner zählende Kleinstadt gilt daher auch als die heimliche Karnevalshochburg des Nordens. Bereits seit Februar 1956 feiern die Nordlichter einen Rosenmontagsumzug – im letzten Jahr mit sage und schreibe 20.000 Jecken und über 50 Motivwagen. In diesem Jahr wird nun zum ersten Mal auch die evangelische Kirchengemeinde Marne mit einer eigenen Gruppe und einem Wagen dabei sein. Pastor Dr. Jochen Hose erklärt: „Die Idee dazu entstand irgendwann mal ganz spontan in einer Kirchengemeinderatsversammlung.“ Als die anfänglich noch etwas vage Idee immer konkreter wurde, erwachte in Kirchengemeinderat Thomas Jürgensen der Baumeister. Er griff zu Hammer und Säge und baute in seiner großen Scheune aus Spanplatten einen Aufsatz für einen Treckeranhänger mit einer Kirche oben drauf.

Heute will das Streich-Ensemble, wie Pastor Jochen Hose die sieben Hobby-Maler scherzhaft bezeichnet, die nötige Farbe ins Spiel bringen. Unter Anleitung von Kirchengemeinderätin Gisela Reinke-Schön lackieren sie die Kirchenwände weiß – wie das Original in Wittenberg. Während Pastorin Katja Hose die Lutherrose ausmalt und Bärbel Ehrenberg die Kirchenfenster mit bunter Farbe verziert, haben Jochen Hose und Thomas Jürgensen rein botanische Dekorationswünsche. „Wir wollen Blumen malen“, sind sich die Herren einig, „und zwar bunte und große!“ Zähneknirschend stimmen ihnen die Damen zu – allerdings beschränkt auf den Kirchhof. Als alle Malerarbeiten fertig sind, darf endlich auch Martin Luther seinen Platz auf der Motorhaube des Traktors verlassen. Die gut einen Meter große Figur bekommt einen Ehrenplatz auf dem Karnevalswagen vor der Kirche. „Eigentlich steht die Lutherfigur im Dienstzimmer unseres Propstes“, sagt Jochen Hose, „er hat sie uns aber für den Umzug ausgeliehen.“
Während das stattliche Bauwerk auf dem Rosenmontagsumzug von einem Traktor gezogen wird, wollen die rund 20 Mitglieder der Kirchengemeinde lieber laufen. „Wir möchten die Feier des Reformationsjubiläums auf die Straße und unter das Volk tragen“, macht Pastorin Katja Hose die Botschaft ihrer Karnevals-Gruppe deutlich. „`Luther schaute dem Volk aufs Maul` – dazu ist am Rosenmontag wieder Gelegenheit“. Begleitet werden die kirchlichen Jecken von einem prominenten Gast – dem leitenden Pastor von Sansibar (Ostafrika), Shukuru Maloda. „Der Kollege wird dann im Rahmen eines Partnerschaftsaustausches bei uns sein“, erklärt Pastor Jochen Hose. Er schmunzelt. “Shukuru Maloda freut sich schon genauso auf den Marner Rosenmontagsumzug wie wir.“
Text und Bild: Svenja Engel