Ecclesia semper reformanda
Fast 500 Jahre ist es nun her, dass Martin Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg schlug und damit eine Bewegung in Gang setzte, die sich trotz aller Widrigkeiten gerne am 31. Oktober eines jeden Jahres selbst feiert. Oder es zumindest versucht. Seit dieser Tag kein staatlicher Feiertag mehr ist, tun wir Evangelischen uns schwer, am Abend nach getaner Arbeit noch mal aus dem Sofa hoch zu kommen und die Reformation zu begehen.
Viele Kirchengemeinden haben mit Schülerinnen und Schülern bedacht, was dieser Thesenanschlag damals bedeutete und was er heute noch bedeuten kann. Kernsätze werden wiederholt wie „sola scriptura“, die Schrift allein, die Rede von der “Freiheit eines Christenmenschen“ oder die durch Luther berühmt gewordenen Worte aus dem Römerbrief „Der Gerechte wird aus Glauben leben“.
Am Reformationstag stellt sich die Frage: Ist nicht das, was damals als Erneuerung und Befreiung von Überkommenem begann, längst in Gesetzestexten, Agenden, Konfessionen und Notwendigkeiten ertrunken? Rühren wir nicht seit 500 Jahren im selben Brei? Ecclesia semper reformanda – das ist ein weiterer Kernsatz der Lehre Martin Luthers. Die Kirche ist immer weiter zu verändern, die Reformation hört niemals auf. Insofern kann der Reformationstag eigentlich keine Gedenkfeier sein und schon gar nicht sollte er der Heiligenverehrung Luthers dienen. Er sollte auch nicht verflacht und verniedlicht werden, denn das, was Luther für sich als richtig erkannte und bekannte, hätte ihn durchaus auf den Scheiterhaufen bringen können. Der Reformationstag sollte für uns Evangelische Ermahnung sein: Leute, hoch aus den Sofas eurer Dogmen und Bequemlichkeiten! Was schon immer so war, sollte dringend mal verändert werden. Es gibt keine geistliche Besitzstandswahrung. Kirche ist kein statisches Konstrukt – daran war Luther gelegen – sondern sie ist Leib Christi, bestehend aus den Vielen, die auf Gott vertrauen, höchst lebendig und hoffentlich fest mit dem verbunden, der ihr Haupt ist.
Inke Raabe