Onkel Paddy und die Gerechtigkeit

Wir hatten ihn in unserem Sommerurlaub in Irland kennengelernt. Keine Ahnung, wie er wirklich hieß. Für uns war er später nur „Onkel Paddy“. Und getroffen hatten wir ihn auch nur, weil uns die Getränke ausgegangen waren. Und dass mitten auf dem flachen Land an einem Sonntag im Hochsommer !
Zum Glück für uns aber haben in Irland selbst im kleinsten Dörfchen noch die Geschäfte auch am Sonntagnachmittag geöffnet. Und da stand er dann hinter seinem Tresen – wie einem Bilderbuch entstiegen mit seiner grünen Schürze und brennender Pfeife im Mund.

Unsere Einkäufe waren schnell erledigt. Und wir kamen ins Plaudern. Woher wir denn kämen? Ach, aus Deutschland. Dort wäre alles so gut geregelt und geordnet. Sogar, dass am Sonntag nicht gearbeitet werden dürfe, wäre gesetzlich festgelegt. Da könne man den Feiertag mal genießen. Nicht so wie er. Morgens Gottesdienst und dann schnell essen, um rechtzeitig wieder im Geschäft sein zu können. Und abends dann pünktlich im Pub. Und nicht wie er erst nach offizieller Ladenschlusszeit nach 21.00 Uhr. Die Supermärkte, die könnten sich leisten, um 18.30 Uhr oder sonntags zu schließen. Er aber lebe davon, was ihm die „Großen“ überlassen – eben auch den Sonntag. Da wäre bei uns in Deutschland mehr Gerechtigkeit. Und mehr Ehrfurcht vor dem Sonntag. Und wirklich Zeit für den Gottesdienstbesuch. Das hätten wir sicher Martin Luther zu verdanken. Und seine Betonung von Bibel und Gottes Wort. Da wären wir Vorbild für alle. Und wir in Deutschland könnten stolz darauf sein, dass wir so Gottes Gebote befolgten.

Wir haben nur stumm genickt. Wie hätten wir Onkel Paddy auch erklären sollen, dass ausgerechnet er uns im Stammland Luthers Vorbild sein soll für flexible Öffnungszeiten und verkaufsoffene Sonntage?
(j.d.)