Wir sind nicht Papst

Der Papst kommt nach Deutschland, und die Republik steht Kopf: In Berlin demonstrieren Tausende gegen den Besuch, Abgeordnete bleiben ihrem Parlamentssitz fern, die Medien überbieten sich weniger in der Berichterstattung als in der kritischen Betrachtung dieses Ereignisses. Immerhin: 6000 Polizisten sind im Einsatz, um den Papst zu schützen, etwa fünf Millionen kostet der Besuch den Steuerzahler.

Der Papst kommt nach Deutschland, und auf einmal ist Kirche wieder im Gespräch. Nicht im positiven Sinne, gewiss nicht. Aber immerhin: Menschen fragen, Menschen streiten. Der normale evangelische Durchschnitts-Christ darf sich um Jahre zurückversetzt fühlen: Wie vor 20 Jahren wird an den Kaffee-Tischen und in den Bier-Bars wieder heftig diskutiert. Nicht etwa über den Glauben und über Jesus Christus, sondern über das Oberhaupt der katholischen Kirche. Der will keine Kondome, deswegen kommt Afrika aus der Aids-Falle nicht heraus. Der hat was gegen Schwule und Lesben, der duldet in katholischen Kirchen keine Frauen als Priesterinnen. Alles wahr, zumindest ein bisschen. Selten stimmen so plakative Aussagen wirklich. Aber wie damals steht der evangelische Christ in der Not, zu antworten und sich zugleich zu distanzieren. Muss man immer noch daran erinnern, dass es zwei große Konfessionen gibt? Die Evangelische Kirche hat mit all dem nichts zu tun. Wir sind nicht Papst. Ehrlich nicht.

Nein, wir sind nicht Papst. Überhaupt nicht. Aber wir sind Kirche. Liberal, liebevoll, tolerant – das sind unsere evangelischen Positionen. So liberal, dass wir den Papst durchaus an unserem Kaffee-Tisch dulden würden, so liebevoll, dass wir die Hoffnung, er könne seine schrägen und schädlichen Positionen ändern, nicht aufgeben. So tolerant, dass wir begreifen: Andere glauben anders. Wir sind nicht Papst, aber der Papst ist ein bisschen wir. Und das ist gut so.
Inke Raabe