Besuch aus dem Mittelalter

neocorus1kleinBüsum – „Das war der schönste Gottesdienst meines Lebens“, schrieb eine Besucherin ins Gästebuch der St.-Clemens-Kirche zu Büsum. Kein Wunder, dass sie beeindruckt war: Neocorus, der vor mehr als 400 Jahren Pastor im Kurort gewesen war, hatte sich eigens „aus der Ewigkeit“ zurück in seine irdische Heimat begeben, um der Enthüllung einer Bronzestatue zu seinen Ehren beizuwohnen. Dr. Dietrich Stein mimte den Geistlichen und hielt gemeinsam mit Ortspastor Jan Steffens eine Dialogpredigt, die sich zwischen Geschichte und Moderne bewegte.

Neocorus hieß mit bürgerlichem Namen Johann Adolf Köster. Er hatte im niedersächsischen Helmstedt Theologie studiert, war dann zunächst Schulleiter in Büsum, bis die Gemeinde ihn 1590 zu ihrem Pastor wählte. Zu seinem Namen kam er als er Geschichtsschreiber: Sein historisches Werk, die „Chronik des Landes Dithmarschen“, gehört zu den Schätzen der Kieler Universitätsbibliothek. Sie wurde nie gedruckt, zu sehen ist dort das handschriftliche Original des Gelehrten. Sie wurde erstmals von Prof. Christian Dahlmann im Jahre 1827 herausgegeben.
Dietrich Stein schlüpfte nicht zum ersten Mal in die Rolle des Neocorus: Für eine Filmproduktion des NDR über die Schlacht von Hemmingstedt war er auch schon gebeten worden. „Ich engagiere mich sehr für die Geschichte Dithmarschens“, erklärte er auf Nachfrage. Er überzeugte die Fernsehmacher, weil er wie Neocorus Theologe ist, und weil er, wenn auch aus ganz anderen Gründen, seine mittlerweile ergrauten Haare schulterlang trägt -genauso, wie der Chronist die freiheitsliebenden Dithmarscher seiner Zeit beschrieb.
Darum lag es nahe, dass Stein auch Modell für den Brunsbütteler Künstler Jens Rusch saß. Ein gutes Vierteljahr dauerte die Zusammenarbeit der beiden.
Anlässlich der Enthüllung waren nun zahlreiche Gäste nach Büsum gekommen. Das Modell, das Kunstwerk und der Künstler saßen nach dem Gottesdienst einträchtig nebeneinander vor der Kirche auf dem Neocorus-Platz und ließen sich bestaunen und fotografieren.
Möglich gemacht haben das Projekt Henriette und Wilhelm Schmidt-Engels, die erst im letzten Jahr eine Stiftung für gemeingütige Zwecke eingerichtet haben. „Wir lieben die St.-Clemens-Kirche sehr“, sagt Henriette Schmidt-Engels. Und weil die Figur unter anderem vom Familienvermögen ihrer Eltern finanziert wurde, fügt sie hinzu: „Meine Mutter würde sich darüber freuen.“

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Text und Fotos: Inke Raabe