Die eigene Geschichte finden

Die eigene Geschichte finden


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Veröffentlicht von Frank Zabel am Dienstag, 24. Dezember 2019, 07:31 Uhr

Warum wohl heulen hartnäckigste Weihnachtsverweigerer, wenn sie „driving home for christmas“ hören, ja warum wollen wir denn zu Hause sein am Heiligen Abend?

Das liegt daran, dass man die Weihnachtsgeschichte eigentlich nur persönlich nehmen kann. Die alte Erzählung von Maria und Josef und dem Kind im Stall reicht weit in mein Leben und berührt mich. Sie räumt die adventliche Verflachung und all diesen Glitzerkram mühelos beiseite, stellt mir die Heimatfrage, und macht mich darin unglaublich empfindlich!  

Ich habe vor einiger Zeit einen alten Mann beerdigt. Der war in jungen Jahren der erste und eifrigste Nationalsozialist in seinem Dorf. Immer kräftig voran als junger Herrenmensch und Bauer in brauner Uniform. Manche verzeihen ihm manches bis heute nicht, was er so tat als Ortsgruppenführer.  

Am 24. Dezember 1944 musste dieser junge Mann als Soldat gehorsam einen einsamen Flugplatz bewachen, und in dieser Heiligen Nacht überkam ihn ein weihnachtliches Elend: Statt in der guten Stube am Tannenbaum zu sitzen mit der Familie, musste er einen irrsinnigen Krieg vorantreiben. Und einsam auf dem Feld stehen. Aber da kamen keine himmlischen Heerscharen zu ihm in dieser Nacht, es gab kein „Friede auf Erden“. Niemand hatte ein Wohlgefallen an ihm, er selbst schon gar nicht. Und einen Platz im Stall und an der Krippe hatte er auch nicht.  

Diese Mangelerfahrung war so einschneidend, dass er den Irrsinn seiner Welt sah in dieser Heiligen Nacht, und sich mittendrin - einsam und verblendet: Weihnachtliche Entnazifizierung. Und er bewahrte diese Dinge in seinem Herzen. Er wurde zu einem Weihnachtsmenschen, veränderte Denken und Wesen. Nahm herzlich gern Flüchtlinge auf 1945, machte Platz in Herberge und Stall.  

Ich habe ihn kennengelernt als dann schon alten Menschen, mit singender Stimme und milden, dankbaren Augen, der irgendwie immer umgeben war von der Heiligen Nacht. Er hat oft von seinem Irrtum erzählt und konnte ihn so herzlich bereuen. Und nichts war ihm wichtiger als Weihnachten. Hochbetagt mit 93 Jahren starb er zu Hause in seinem Bett, umgeben von lauter Weihnachtsgeschenken, die er seit Januar schon gesammelt hatte für seine Kinder und Kindeskinder. Er lebte von Weihnachten zu Weihnachten. Und lebte gut damit. Weihnachten kann Seelen heilen. Menschen wieder auf die Spur bringen.  

Jeder von uns hat seine eigene Geschichte mit Weihnachten! Manche frühen weihnachtlichen Erfahrungen sind in die Seele gebrannt, unauslöschbar, überaus wertvoll. Die hängen mit Düften zusammen, mit Orten, mit Bräuchen, mit Klängen, mit geliebten Menschen, die haben etwas Heiliges, Zauberhaftes, Unerklärliches, ganz merkwürdig. Sie haben etwas Tröstliches. Wenn ich sie wachrufe, werde ich angerührt. Die bleiben immer: der bunte Teller, der Bratenduft, die weiche Hand von Uroma, die plattdeutsche Weihnachtsgeschichte in der Kirche, der Gang durch verschneite Wälder zur Mette.  

Die Alten erzählen gelegentlich, diese Weihnachtsprägung mit ihrem Trost habe in der Gefangenschaft manchem das Leben gerettet, die Hoffnung erhalten, die Kraft gegeben. Sterbende leben oft in diesen Bildern in den letzten Stunden, als würden sie sich in den Stall zur Krippe zum Kind flüchten, um selig sterben zu können.

Jeder hat da eigene Erinnerungen. Verdrängen Sie diese Erfahren um Himmels willen nicht! Denn sie sind so etwas wie Sehnsuchtsindikatoren, sie holen uns zum Kern der Dinge zurück. Sie führen uns irgendwie schon mal oder wieder nach Hause, und das hat mit diesem Stall zu tun.  

Irgendwie gehören diese Gestalten, Maria und Josef, Hirten und Herbergsväter und Ochsen und Esel und Engel und eigene Weihnachtserlebnisse, die eigene Kindheit, und die Seligkeit über manche Geschenke und alle eigene Sehnsucht zusammen. Es ist keine Schande, sondern eine weihnachtliche Gelegenheit, sich mitsamt seinen Erinnerungen und Gefühlen hinein zu seufzen in den Stall und in die Krippe. Man findet dort seinen Platz. Und irgendwie weiß jeder, dass er da willkommen ist und so sein darf, wie er ist. Mit allem erlebten Glück und mit allen eigenen Lebenslasten. Einfach so sein darf.  

Ich wünsche Ihnen eine heilige Nacht und gesegnete, friedliche Weihnachten. Bleiben Sie mutig und hoffnungsfroh in dieser manchmal dunklen und aus den Fugen geratenen Welt! Nutzen Sie diese Weihnachtstage, um zu den wesentlichen Dingen im Leben zurück zu finden, um den Alltag zu unterbrechen, um das Heilige im eigenen Leben zu suchen. Lassen Sie sich hinein ziehen in die Heilige Nacht, geben Sie eigenen Sehnsüchten Raum, finden Sie Ihre Geschichte in der Weihnachtsgeschichte. Besseres kann Ihnen nicht passieren.









Ihr Dr. Andreas Crystall