Dieksanderkoog – Die Handwerker arbeiten auf Hochtouren, der „Historische Lernort Neulandhalle“ entsteht: Das Gebäude im Dieksanderkoog ist weitgehend gesichert und nach umfangreichen Sanierungsarbeiten wieder begehbar. Auf Einladung des Kirchenkreises haben sich jetzt mehr als 100 Interessierte aus der Region vor Ort ein Bild von den Arbeiten gemacht und über die geplante Außenausstellung informiert. Dithmarschens Propst Dr. Andreas Crystall: „Wir sind sehr weit vorangekommen. Der Lernort ist im Werden.“ Im Dieksanderkoog wird rund um die Neulandhalle eine dauerhafte, selbsterklärende und allgemein zugängliche Außenausstellung als Beispiel fataler NS-Propaganda und Volksgemeinschafts-Ideologie entstehen.

Propst Dr. Andreas Crystall.

Die Neulandhalle war im Jahr 1935 gebaut worden – als zentraler Versammlungsort im gerade eingedeichten Dieksanderkoog (damals „Adolf-Hitler-Koog“). Hier wurde „Volksgemeinschaft“ inszeniert, im Koog selbst waren nahezu ausschließlich ausgewählte NSDAP-Mitglieder angesiedelt worden. Das zentrale Gebäude, von den Nationalsozialisten als „Anti-Kirche“ konzipiert, wurde 1971 von der evangelischen Kirche als Stätte für ihre Jugendarbeit erworben. 2011 hat der Kirchenkreis Dithmarschen die Jugendfreizeitstätte Neulandhalle angesichts stark rückläufiger Übernachtungszahlen aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Bereits damals entwickelte Professor Dr. Uwe Danker von der Universität Flensburg die Idee eines Historischen Lernortes.

Vor einem Jahr haben die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland, der Kirchenkreis Dithmarschen und das Land Schleswig-Holstein eine Vereinbarung getroffen: Die Neulandhalle soll zum Historischen Lernort werden. Mit den von der Nordkirche (eine Million Euro) und vom Land (500.000 Euro) zur Verfügung gestellten Mitteln wird eine nachhaltige Bildungsarbeit am Lernort ermöglicht. Die Neulandhalle wird mitsamt Gelände durch eine dauerhafte, selbsterklärende, allgemein zugängliche Außenausstellung als Beispiel fataler NS-Propaganda und Volksgemeinschafts-Ideologie präsentiert und erklärt.

Für die Sicherung und den Rückbau der Neulandhalle sorgt der Heider Architekt Jörg Albrecht. Er schilderte den mehr als 100 Interessierten, dass das Dach mit fast identischen Original-Hohlpfalzziegeln in Originalfarbe saniert wurde – ein altes Muster hatte ein benachbarter Landwirt liefern können. Eingang, Fensteröffnungen im Turm, Halle und Küche waren 1973 und 1999 umgebaut worden: Mit Hilfe alter Fotografien wurden diese Maßnahmen jetzt zurückgebaut. Neue Holzfenster wurden nach alten Zeichnungen erstellt und eingebaut, der Bewuchs der nächsten Umgebung in Abstimmung mit der unteren Naturschutzbehörde gelichtet.

Architekt Jörg Albrecht.

Für die Erarbeitung und Umsetzung des Ausstellungskonzeptes ist das Institut für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte (IZRG) an der Universität Flensburg verantwortlich. Dessen Direktor, Professor Dr. Uwe Danker, erläuterte das Vorhaben: „Wir streben einen Historischen Lernort Neulandhalle an, der auch von den Bewohnerinnen und Bewohnern des Dieksanderkoogs als ein Ort der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte angenommen wird – als ein Ort, der zwar kritisch und unbequem, aber ehrlich ist und über die örtliche Geschichte hinausweist, als ein neuartiger Ort des historischen Lernens über den Nationalsozialismus.“

Prof. Dr. Danker: Die Neulandhalle als „ein Ort, der zwar kritisch und unbequem, aber ehrlich ist und über die örtliche Geschichte hinausweist“

Derzeit entwickelt Danker mit einem Team vom IZRG eine ständig geöffnete Außenausstellung. Das Gebäude selbst wird nur nach Anmeldung zu besichtigen sein. „Die die ideologisch aufgeladenen Landgewinnungsmaßnahmen zur Schaffung des damaligen Adolf-Hitler-Kooges werden eingeordnet in das gesamte NS-Konzept ‚Lebensraum‘“, kündigt Prof. Dr. Danker an. „Friedliche Landgewinnung“ auf der einen, die brutale, gewalttätige Besatzungsherrschaft im „Reichskommissariat Ostland“ auf der anderen Seite – zum Teil durch identische Akteure. Unter ihnen beispielsweise NSDAP-Gauleiter Hinrich Lohse, der den „Generalplan für die Landgewinnung in Schleswig-Holstein“ forcierte und später als Chef der Zivilverwaltung im Reichskommissariat Ostland einer der Hauptverantwortlichen für Völkermord der Nationalsozialisten war. Danker: „Ziel ist also kein Heimatmuseum, sondern eine Darstellung der lokalen Geschichte und Nachgeschichte des Adolf-Hitler-Kooges – kritisch eingebettet in die großen NS-Konzepte von ‚Lebensraum‘ und ‚Volksgemeinschaft‘.“

Martin Gietzelt (Volkshochschulen Dithmarschen) erarbeitet derzeit verschiedene Bildungsangebote. So sollen mit der Fertigstellung der Ausstellung im Frühjahr 2019 Führungen für Schüler- und andere Gruppen etabliert werden. Arbeitsmaterialien werden entwickelt, Vorträge erarbeitet, Tagungen angeboten. Vorgesehen sind auch Kooperationsprojekte und Aktionen mit Gedenkstätten in Schleswig-Holstein und Hamburg.

Träger des Projektes für die ersten fünf Jahre wird der Kirchenkreis Dithmarschen. In den nächsten fünf Jahren bleibt der Kirchenkreis Dithmarschen Eigentümer des Historischen Lernortes Neulandhalle; im Anschluss an eine Evaluation des Projektes soll in gemeinsamer Verantwortung über die zukünftige Träger- und Eigentümerstruktur entschieden werden.