Meldorf – Das Büro im Meldorfer Wichern-Haus ist mittlerweile fast geräumt, vom freundlichen Ambiente für Beratungsgespräche ist derzeit nicht mehr viel zu sehen. Nach fast 20 Jahren beim Diakonischen Werk Dithmarschen verabschiedet sich heute (20. März) Volkert Wiemann in den Ruhestand – genauer: in die passive Phase seiner Altersteilzeit. Seit August 1999 war der gebürtige Eiderstedter in der Suchttherapie und -beratung tätig, zuletzt als stellvertretender Leiter der Beratungsstelle in Meldorf. Wiemann hat Suchtkranke und ihre Angehörigen beraten, Therapien vermittelt, Präventionsveranstaltungen organisiert, insbesondere in Dithmarscher Betrieben. Gerhard Wiekhorst, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes im Kirchenkreis Dithmarschen: „Er hat mit seinem Fachwissen, seiner ruhigen und kompetenten Art vielen Menschen mit Suchtproblemen geholfen, sich ein suchtfreies Leben aufzubauen, hat sich mit Empathie den ratsuchenden Menschen zugewandt und ihnen Wege aus teils desolaten Verhältnisse aufzuzeigen und sie begleitet. Ich bin sehr froh, dass Volkert Wiemann fast 20 Jahre seine Kraft und seine Erfahrung in den Dienst an unseren Nächsten in Dithmarschen gestellt hat und danke ihm von Herzen für seine hervorragende Arbeit.“

Volkert Wiemann brachte schon reichlich Erfahrung mit, als er 1999 beim Diakonischen Werk begann: Einer Ausbildung zum Erzieher folgten Fortbildungen und ein Studium, das er als Diplom-Sozialpädagoge abschloss. Berufliche Stationen unter anderem beim Blauen Kreuz, dem Diakonie-Landesverband sowie einer Fachklinik für Entzug und Rehabilitation von Drogenabhängigen qualifizierten ihn für seine spätere langjährige Tätigkeit in Dithmarschen. Insgesamt hat Wiemann fast 30 Jahre lang mit Suchtkranken gearbeitet.

Beim Diakonischen Werk hat Volkert Wiemann insbesondere das Arbeitsfeld der betrieblichen Suchtprävention entwickelt. „Suchtkranke Mitarbeitende waren anfangs ein Tabuthema“, weiß der Berater, „wir mussten die Geschäftsführer vom Sinn der Präventionsarbeit überzeugen. Später kamen die Firmen auf uns zu.“ Hier wurde deutlich, was im Umgang mit Suchtkranken oftmals eine Hürde darstellt: „Das ganz Umfeld weiß von dem Problem, aber niemand spricht es an.“ Dabei sei es wichtig, möglichst früh auf negative Entwicklungen zu reagieren. „Das kommt nicht von heute auf morgen. Gewohnheit ist die Vorstufe zur Abhängigkeit“, sagt Wiemann. Das gelte insbesondere für die Droge Nummer eins – Alkohol. Insbesondere in ländlichen Regionen wie Dithmarschen sei Alkohol sozial eingebettet, notwendige Reaktionen sowie Unterstützung von Familie, Kollegen und Freunden kommen daher oftmals erst sehr spät.

Immer häufiger hatten Wiemann und seine Kolleginnen in den vergangenen Jahren mit Cannabis-Konsumenten zu tun. „In den 70-er Jahren galt Cannabis noch als ‚weiche Droge‘. Aber die Pflanzen und Wirkstoffe haben sich verändert, das Suchtpotenzial ist gestiegen.“ Er habe zuletzt immer häufiger Betroffene beraten, die durch täglichen Konsum bereits eine körperliche und psychische Abhängigkeit entwickelt hätten. Eine Droge sei eben nicht „harmlos“, allein weil sie von vielen Menschen genommen werde und zurzeit eine zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz erfahre.

Auch so genannte Verhaltenssüchte haben nach Ansicht des Experten zugenommen. Neben der Spielsucht werden auch Medienabhängigkeiten, also beispielsweise vom Smartphone, häufiger festgestellt. „Kinder haben schon sehr früh Zugang zu verschiedensten Kommunikationstechnologien – und das wird ja auch gefördert. Aber der sinnvolle Umgang damit wird nicht ausreichend gelehrt.“ Wiemann sieht darin einen Bildungsauftrag, dem sich die Schulen stärker widmen sollten. Und schließlich müssten auch Eltern ein stärkeres Interesse zeigen und Regeln aufstellen, wenn Kinder und Jugendliche ihre Freizeit nur noch am Computer oder Handy verbringen.

Und hat der künftige Privatier einen Plan für den Ruhestand? „Ich habe mir vorgenommen, keinen Plan zu haben“, sagt Volkert Wiemann. Zumindest wird er mehr Zeit für sein Hobby – Kunst und Kunstgeschichte – haben, „aber erst einmal möchte ich ein Gefühl für eine andere Lebensgeschwindigkeit entwickeln.“ Denn eines habe die jahrzehntelange Arbeit mit Menschen deutlich gezeigt: „Das Leben ist nicht planbar, meistens kommt es doch ganz anders.“