Gedenken an einen aufrechten Pastor

Süderhastedt – Es ist kein leichtes Gedenken, das sich die Süderhastedter vorgenommen haben: Am Sonntag, 9. Mai, erinnern sie sich mit einem Gottesdienst an Pastor Ewald Dittmann, der im März 1945 inhaftiert und im April desselben Jahres – kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges – im „Arbeitserziehungslager Nordmark“ bei Kiel hingerichtet wurde.

„Ihm wurde vorgeworfen, er habe wiederholt Flüchtlinge nicht aufnehmen wollen, was aber nicht stimmte“, erklärt Alfred Sinn, Pastor der Kirchengemeinde Süderhastedt. Es liege auf der Hand, dass die Gestapo nur einen Anlass suchte, sich des unbequemen Kirchenmannes zu entledigen. Allzu laut hatte dieser Kritik an führenden Nationalsozialisten geäußert. In seinen Predigten sprach er immer wieder davon, dass nur Gottes Reich ewig und allein Jesus Christus der Herr sei – eine kaum verhohlene Anspielung auf die Rede vom Tausendjährigen Reich und seinem Führer Adolf Hitler.
Anlass der Verhaftung war eine Eingabe des damals 68-jährigen Seelsorgers, man möge ihm doch eine Studierstube lassen und von einer weiteren Einquartierung im Pastorat absehen. Man lud ihn vor die Gestapo nach Heide – er radelte gegen den Rat eines Gemeindegliedes dorthin im sicheren Bewusstsein, dass er nichts zu verbergen hatte und dass sich die Angelegenheit rasch würde klären lassen. Von dort kehrte er nie zurück.

Narben dieser Geschichte sind bis heute im Dorf zu spüren. „Ich wollte niemanden verletzen und nicht in alten Wunden herumrühren“, sagt Alfred Sinn. Viele hatten Ewald Dittmann, einen plattdeutsch sprechenden gebürtigen Dithmarscher, geliebt und geachtet. Im September 1945 traf sich die Gemeinde in großer Zahl zu einem ersten Gedenkgottesdienst. 1958 konnten seine sterblichen Überreste aus einem Massengrab bei Kiel geborgen und nach Süderhastedt überführt werden. Man errichtete vor der Kirche einen Gedenkstein und hielt sein Grab in Ehren. Wer ihn verraten hatte, blieb aber – von Gerüchten und Mutmaßungen abgesehen – ungeklärt.

„Er war ein aufrichtiger Verkündiger“, sagt Alfred Sinn. „Er hatte eine gute Ader für die Seelsorge und erreichte die Menschen in ihrem Alltag.“ Für den diesjährigen Gedenkgottesdienst hat er gemeinsam mit seinem Kirchenvorstand viel Material gesammelt: unter anderem Kopien aus alten Poesiealben, die belegen, wie engagiert sich Dittmann für seine jungen Menschen einsetzte. Der Gottesdienst beginnt um 14 Uhr, in ihm wird der Lebenslauf Dittmanns verlesen, ein ehemaliger Konfirmand wird von seinen Erinnerungen an den Theologen erzählen. Und dann geht die Gemeinde zum Grab des Seelsorgers, um dort einen Kranz niederzulegen. Beim anschließenden Kaffeetrinken im Gemeindehaus haben die Besucher Gelegenheit, sich auf Stellwänden Fotos und Berichte in Ruhe anzusehen. „Wir wollen ihn nicht hochstilisieren“, sagt Alfred Sinn, „Dittmann war sicher kein Widerstandskämpfer wie Dietrich Bonhoeffer. Aber trotzdem: Leute wie ihn hätte es mehr gebraucht.“
Text und Bild: Inke Raabe