Gustav Frenssen: NS-Ikone und Dithmarscher Jung

webBarlt – Er war eine schillernde Persönlichkeit, der Barlter Schriftsteller Gustav Frenssen. Einerseits war er ein „Dithmarscher Jung“, und als solcher wurde der erfolgsverwöhnte Autor hierzulande bestaunt und bewundert. Aber dann war da diese dunkle Seite. In seinen Romanen wird ein völlig verqueres völkisches und nationales Denken deutlich, über das man heute nur noch den Kopf schütteln kann. Inwiefern er mit diesem Denken nicht nur Mitläufer, sondern vielmehr Wegbereiter des Nationalsozialismus war, das versuchen Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Heide Ost zu ergründen. Sie besuchten das Haus, in dem Frenssen 1863 geboren wurde und in dem er 1945 starb.

„Frenssen war eine gespaltene Persönlichkeit“, sagte Dr. Dietrich Stein, der die Schüler durch das Haus begleitete. Einerseits beschäftigte Frenssen sich schon sehr früh mit Fragen der sogenannten „Volkshygiene“ und erkannte schließlich in Adolf Hitler den „deutschesten aller Deutschen“. Andererseits ist Frenssen nie in die NSDAP eingetreten und war so gesehen politisch nicht aktiv. Er war einerseits bis zur Machtergreifung 1933 eigentlich kein Antisemit, hatte sogar jüdische Freunde wie den 1922 ermordeten Politiker Walther Rathenau – aber die Hilferufe jüdischer Gemeinden im aufkommenden Nationalsozialismus ignorierte er willentlich. „Er hatte schon sehr früh völkische, rassistische und biologistische Ansichten“, erklärte Stein, „man muss ihn nach der Verantwortung fragen, die er nicht wahrgenommen hat.“

Sehr aufmerksam entdeckten die Schüler des 13. Jahrgangs das Haus Gustav Frenssens, studierten die Bilder an den Wänden und den Schreibtisch, an dem er seine Werke von Hand verfasste: Direkt darüber hatte ein Bild des geliebten „Führers“ gehangen, auf alten Fotos ist das noch deutlich zu sehen. Sie gingen durch die niedrige Stube, die Frenssens Vater noch als Tischlerwerkstatt gedient hatte. Sie sahen den herrschaftlichen Anbau, den der Schriftsteller selbst in seiner nationalsozialistischen Blütezeit errichten ließ. Berndt Steincke, Ehrenvorsitzender der Stiftung gegen Extremismus und Gewalt, war ebenfalls zugegen und zog die Verbindung zur Neulandhalle: Viele junge Menschen pilgerten regelrecht nach Barlt, um die NS-Ikone kennenzulernen. Sie zogen von dort weiter zur Neulandhalle, dem „Tempel nationalsozialistischer Volksgemeinschaft“ (Frank Trende).

Der Besuch im Frenssenhaus steht im Zusammenhang mit einem Geschichtsprojekt am Gymnasium Heide-Ost. Lehrer Dr. Matthias Dunker hatte die Idee, anhand dieser einen, historischen Persönlichkeit die dunkleste Zeit deutscher Geschichte zu ergründen. Ob es auf diesem Hintergrund eigentlich noch Gustav-Frenssen-Straßen oder –Plätze geben darf, darüber diskutierten die Schüler eingehend und holten zur Vertiefung ihrer Sachkenntnisse besonders fachkompetente Menschen hinzu: Zu ihnen gehört neben Steincke auch Propst Dr. Andreas Crystall, der über Gustav Frenssen promoviert hat. Dieter Beuse, Vorsitzender der Stiftung, unterstützte die Schüler ebenfalls mit seinem Wissen.

„Hier zu sein ist noch mal eine ganz neue Erfahrung“, sagte Katrieke Kwauka, Schülerin des 13. Jahrgangs. „Das kommt alles viel näher an einen heran. Es ist erschreckend, aber auch hilfreich.“ Bei einer öffentlichen Veranstaltung im Gymnasium Heide-Ost am Donnerstag, 5. Dezember, möchten die jungen Menschen mit Bürgern und Politiker über das Thema diskutieren – und darüber, ob es wirklich nötig ist, dass Heide eine Gustav-Frenssen-Straße hat. Beginn ist um 19.30 Uhr mit einem Fachvortrag von Propst Dr. Andreas Crystall.

Info Gustav Frenssen:
Gustav Frenssen wurde 1863 in Barlt geboren, machte in Husum sein Abitur und studierte in Tübingen und Berlin Theologie. Er war als Pastor in Hennstedt und Hemme tätig, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Frenssen deutete Adolf Hitler als „das neue Wort Gottes“ und trieb mit seiner religiösen Deutung des Nationalsozialismus die Diktatur ideologisch voran. Er propagierte die Vernichtung von angeblich lebensunwertem Leben, und er trat für eine staatlich gelenkte Zuchtauslese bei Menschen ein.