Liebe Leute,

ist uns die alle Jahre verlässlich wiederkehrende Weihnachtsidylle in den vergangenen zwei Jahren abhandengekommen?

Ich erinnere es noch gut: Weihnachten 2015 reichte es, schlicht die Weihnachtsgeschichte vorzulesen, und uns sprang ihre ungeahnte Aktualität in die Herzen. Man hörte von Maria und Josef und dem Kind im Stall, und alle hatten flüchtende Familien vor Augen, die Schutz suchten. Die ganze Gemeinde nickte, wenn der Pastor meinte, „kein Raum in der Herberge“ dürfe sich doch nicht wiederholen, zumal nicht in einem so wohlhabenden Land wie unserem. Der Leitspruch der Bundeskanzlerin, „Wir schaffen das“, wurde als humanitärer Akt akzeptiert und an unzähligen Orten in die Tat umgesetzt. Die Bürgermeister krempelten die Ärmel hoch, die Kirchengemeinden öffneten ihre Häuser, die Diakonie war im Dauereinsatz, unzählige Ehrenamtliche setzten sich ein, Sprachpartnerschaften, Flüchtlingscafés und Kleiderbörsen zeigten, dass wir eine solidarische Gesellschaft mit funktionierendem Gemeinwesen sind.

Einige fragten sich späterhin, wann denn wohl die Stimmung kippen würde, andere Besorgte redeten die kippende Stimmung mit missionarischem Eifer herbei. Auch mit dem Herbergsvater, der die Türen „verantwortungsvoll“ verschlossen hielt, müsse man sich doch wohl identifizieren dürfen…

Eine Prognose, wie wir Weihnachten 2018 feiern werden, wage ich nicht. Die Weihnachtsgeschichte wird in einem Jahr ebenso aktuell sein wie jetzt. Fluchtursachen werden nicht beseitigt sein. Hartherzige Herbergsväter werden sich noch mehr den Heldenstatus geben. Maria und Josef und das Kind werden wieder nur überleben, weil man ihnen in Ägypten Asyl gewährt. Und die Heiligen drei Könige werden Orientalen mit unklarer Herkunft und fremder Kultur bleiben.

Aber ich wünschte mir, dass das weihnachtliche „Frieden auf Erden“ im kommenden Jahr gehört wird als Anspruch und als göttlicher Wunsch für unsere Welt. Ich wünsche mir, dass „Menschen seines Wohlgefallens“ sich nicht vom zunehmenden Ton des Hasses erschrecken lassen. Das raue Geschrei der anderen darf ja nicht dazu führen, dass man die Tätigkeit der eigenen Hände einstellt. Ich wünsche mir, dass wir die unzähligen gelungenen Geschichten der Integration, der Hilfe, der Nächstenliebe nicht klein reden lassen durch Leute, die dafür keinen Finger krumm gemacht haben. Auch wünsche ich mir, dass wir erlebte Katastrophen nicht verharmlosen, falsche Naivität im Miteinander verschiedener Kulturen vermeiden, Schwierigkeiten mutig benennen – und anpacken. Und ich wünsche mir, dass ich mich Weihnachten 2018 nicht mehr so wundern muss über so viel Unzufriedenheit und Missmut bei so viel Wohlstand und Segen, den wir erleben.

Wir hatten jetzt am 2. Weihnachtstag eine syrische Flüchtlingsfamilie zum Kaffee eingeladen. Wir kennen sie schon länger und wollten ihnen zeigen, wie wir Weihnachten feiern. Sie wohnen in der Nachbarschaft, sind seit zwei Jahren hier, ihre ganze Straße in Damaskus ist durch Bomben zerstört worden. Der Mann erzählte, dass er endlich arbeiten und eigenes Geld verdienen kann, in einer Sanitärfirma. Die siebenjährige Tochter spricht fließend Deutsch, sie spielte zusammen mit meinen Kindern vor dem Tannenbaum. Die Mutter macht aus Feigen die leckersten Plätzchenfüllungen. Es gab ostfriesischen Tee und arabischen Kaffee. Schließlich saßen wir alle vor der Krippe und den Kerzen. Meine Frau hatte den Dreijährigen auf dem Schoß und fragte, ob sie die Weihnachtsgeschichte erzählen solle. Und dann berichteten unsere Gäste, dass ihnen manches davon aus dem Koran bekannt sei, insbesondere Maria als Mutter Jesu, die von einem Engel besucht wird. Das tat unserer Weihnachtsgeschichte keinen Abbruch.

Ich wünschte mir, dass ich Weihnachten 2018 gar nicht mehr auf die Idee zu kommen bräuchte, von solchen Begegnungen an Tannenbaum und Krippe zu berichten. Schönes darf ja auch mal selbstverständlich werden, das ist mein Segenswunsch für das neue Jahr. Und ich wünsche uns Frieden auf Erden.

Ihr Dr. Andreas Crystall, Propst in Dithmarschen