Suche nach den eigenen Wurzeln

Der Mann auf dem Foto aus Kriegszeiten hatte die Uniform eines Kapitänleutnants an – da gab es gar keinen Zweifel. Mit diesem Foto in der Hand und ein paar Erinnerungen an Begegnungen in jungen Jahren machte sich Rainer Jacob aus Dresden auf die Suche nach der militärischen Vergangenheit seines Onkels. Marinearchive, Reedereien und Kameradschaftsverbände auch in Schleswig-Holstein klapperte er ab – ohne Ergebnis. Erst in einer Mailingliste, in der sich Familienforscher austauschen, bekam er den heißen Tipp: Die Berufsgenossenschaft See schickte ihm den mehrseitigen, kompletten seemännischen Werdegang seines Verwandten. Nur: Der Onkel war nie bei der Kriegsmarine. Jacob: „Wieso auch immer er eine solche Uniform an hatte, das wird sich wohl niemals klären lassen.“ Eine falsche Fährte, wie sie vielen Familienforschern oft durch Zufälle gelegt wird.

Um so wertvoller die Funde, die Jacob schließlich machte. Der Onkel, Rudi Hans Jaster, geboren am 1. Juni 1913 in Bromberg, begleitete als 1. Technischer Offizier im Maschinenraum die letzten Fahrten der „Cap Arcona“. Er wurde abberufen, bevor das Schiff vor Neustadt von Briten irrtümlich bombardiert wurde. Sie hielten es für einen Truppentransporter, dabei hatten die Nazis 4600 KZ-Häftlinge an Bord gebracht. „So spannend ist Familienforschung, dass ich nicht mehr aufhören kann“, schreibt Jacob an die Redaktion unserer Zeitung.

Mehrere hundert Schleswig-Holsteiner sind in Mailinglisten und genealogischen Vereinigungen verbunden, um einander behilflich zu sein – etwa bei dem vielen so schwer fallenden Lesen alter Urkunden. Heutzutage wird ein solches Dokument kurzerhand eingescannt und „mit der Bitte um Lesehilfe“ per Mausklick den großen Kreisen der Familienforscher gemailt. Einer wird es schon entziffern können, was da steht.

Viel persönlicher geht es beim Flensburger Ahnenforscher-Stammtisch zu, der sich das nächste Mal am Dienstag, 3. August, um 17 Uhr im Heim des Hockeyclubs an der Jahnstraße trifft (www.ahnenforscher-stammtisch-flensburg.de). Dabei handelt es sich um eine Arbeitsgemeinschaft, die vor zehn Jahren aus einem Volkshochschulkursus zu diesem Thema entstanden ist.

Neben Melde- und Standesämtern sind in Schleswig-Holstein die Archive der Kirchenkreise die ersten Adressen für Forscher. Uwe Bliesemann aus Eggebek (Kreis Schleswig-Flensburg) hat im Keller des Johann-Wichern-Hauses in Meldorf (Dithmarschen) Platz genommen. In der Ahnenforschungsstelle des Kirchenkreises sucht er nach Spuren Angehöriger namens Lüders, Schlömer, Claußen und Schloe. Er hockt vor einem Gerät, auf dessen Bildschirm wie von Zauberhand die vielen handschriftlichen und inzwischen verfilmten Urkunden zu Taufen, Hochzeiten und Bestattungen auftauchen, die die Dithmarscher Kirchengemeinden hier zentral bereit stellen.

Neben Bliesemann erforscht Beate Mayer aus dem Wesselburenerkoog die Familie ihres Ur-Großvaters Peter von der Geest. Ergebnisse tippt sie gleich in ihren Laptop. Auch einen Platz weiter hektische Betriebsamkeit: Ingeborg Höhnke und Petra Gödde fahnden nach Verwandten.

Alle hat derselbe Virus gepackt, der unstillbare Drang, sich das Leben ihrer Vorfahren etwas besser vorstellen zu können. Und immer wieder merken sie, dass die persönlichen Lebensverhältnisse ihrer Verwandten nur ein Spiegelbild der jeweiligen Regions- oder Landesgeschichte ist. Also binden sie die auch gleich in ihre Arbeit mit ein.

Betreut werden sie in Meldorf von Hans-Peter Voß. Mit Archiven hatte er erst gar nichts am Hut, sondern lernte Landmaschinenbau und Landwirtschaft, später auch noch Metallbau. Nachdem er in dem Fach gerade seinen Meister und sich selbstständig gemacht hatte, versagten ihm gleich drei Bandscheiben den Dienst. Mit Krücken saß er am PC und las im Internet, dass eine Amerikanerin in Schleswig-Holstein Vorfahren suchte – der Einstieg in sein neues Berufsleben in Archiven. Mittlerweile pendelt er zwischen seinen zwei Jobs in den Archiven der Kirchenkreise Dithmarschen und Rendsburg.
Mut macht er allen, die aus Sorge vor den alten Schriften nicht so recht an die Forschungen ran wollen. „Keine Angst haben, einfach anfangen“, rät er. Und wenn es gar zu schwierig ist, helfen VHS-Kurse oder Nachschlagewerke weiter. Erste Orientierung in einem solchen Archiv bieten Namensregister, ein erster Anhaltspunkt, ob und wo Dokumente zu finden sind. Voß rät dringend, Taufen, Trauungen, Bestattungen auf jeden Fall zu belegen. Wer nicht ständig seine Ergebnisse überprüft, gerät leicht auf Abwege, wie Forscher, die wegen einer Namensgleichheit jahrelang im falschen Familienzweig suchten.
Text und Bild: Birger Bahlo