Heide – Die ersten Tage in Dithmarschen Anfang April waren für Joyce Shekalaghe aus Stonetown, der Hauptstadt von Sansibar, doch recht frostig. Sie und die weiteren Teilnehmer ihrer kleinen sansibarischen Delegation sind aus der Heimat schließlich andere Temperaturen gewöhnt – dort herrscht aktuell Regenzeit, Temperaturen bis zu 30 Grad sind normal. Für rund drei Wochen besuchen die Sansibaris im Rahmen der Partnerschaft zwischen ihrer Kirchengemeinde und der Kirchengemeinde Heide die Westküste und schnuppern zu dritt insbesondere in die Arbeit evangelischer Kitas in Heide hinein.

Emelda Said (21) und Namsiful Heriel (26) hospitieren in den Kitas Süderholm und Lindenstraße, während Joyce Shekalaghe (33) – begleitet von ihrer Heider Kollegin und Erzieherin Bettina Kollek – in die pädagogische Arbeit des Familienzentrums Johannes in der Stettiner Straße hineinschnuppert. „Wir haben pro Kita ein Tandem gebildet“, erläutert Kita-Leiterin Maike Töwe, „sodass jede sansibarische Erzieherin eine feste Kollegin und Ansprechpartnerin aus der jeweiligen Kita an ihrer Seite hat.“ Gemeinsam betreuen die „Tandems“ ihre Kita-Gruppen und können von spannenden, lustigen und aufschlussreichen Begegnungen mit den Kindern berichten. Berührungsängste kennen die Jungen und Mädchen nicht, sagt Bettina Kollek, „zumal mehr als 50 Prozent unserer Kinder im Familienzentrum Johannes ohnehin einen Migrationshintergrund haben und wir inklusiv arbeiten“. Andere Hautfarben, andere Sprachen sind hier nichts Außergewöhnliches. Ganz natürlich und unbefangen gehen Kinder mit Sprachbarrieren um, verständigen sich mit Blicken, Händen und Füßen. Hilfreich in der täglichen Arbeit ist im Familienzentrum Johannes auch, dass mit Shiyma Khezali, einer gebürtigen Irakerin, seit kurzem eine Sprachmittlerin mitarbeitet. Sie spricht Arabisch und Persisch und hat sich auf spezielle Fragen der Kita-Arbeit fokussiert. So übersetzt sie zum Beispiel Kinderlieder vom Deutschen ins Arabische oder hilft Eltern, die noch kein Deutsch sprechen, bei Anträgen, Formularen und vielem mehr. Töwe: „Das ist für eine Kita wie unsere ein unglaublich wertvoller Gewinn in der täglichen Kommunikation, nicht nur in Bezug auf Sprache, sondern auch in Bezug auf unterschiedliche Kulturen und Lebensweisen.“

Joyce Shekalaghe, ihren sansibarischen Gast, haben die Kinder im Familienzentrum Johannes schnell ins Herz geschlossen, haben sie freundlich und neugierig aufgenommen, versuchen ihr deutsche Worte beizubringen und haben ein Bild für sie gemalt, das mit „Karibu sana“ überschrieben ist – herzlich willkommen! Die 33-Jährige ist dankbar für diese Erlebnisse, hat mit den Kindern im Alltag gearbeitet und ihnen das sansibarische Lied „Butterfly“ beigebracht. „Das ist zum Beispiel auch etwas, das hierbleiben wird, wenn Joyce wieder abgereist ist – das bleibt in den Herzen der Kinder“, wissen Bettina Kollek und Maike Töwe jetzt schon. Denn eines ist für die beiden Erzieherinnen klar: „Über Inklusion und das gemeinsame Miteinander zu sprechen und darüber zu lesen – das ist das eine. Aber selbst, schon als Kind, Begegnungen und Gemeinsamkeiten in der Wirklichkeit zu erleben, über Sprachbarrieren hinweg und ohne Wertung der Herkunft, ist viel wertvoller und nachhaltiger.“ Was auch bleiben wird: Sansibarische Gewürze, die Joyce Shekalaghe als Geschenk mitgebracht hat und mit denen die Kinder schon gekocht haben. „Durch Neugierde, Offenheit und Fröhlichkeit lernen die Kinder schnell und saugen Neues geradezu auf“, sagen die drei Erzieherinnen, und das sei immer wieder toll zu beobachten.

Joyce Shekalaghe ist in ihrer Heimat in erster Linie Lehrerin denn Erzieherin, und der Alltag basiert auch für die Kleinen auf unterrichtenden Elementen. Während in deutschen Kitas eher spielerisch gelernt wird, scheint der Tagesablauf in Sansibar etwas durchorganisierter: Singen, Übungen, Frühstück, Spielen, Lernen, Spielen und um 12.30 Uhr „Feierabend“. Ziel ist es, so Joyce Shekalaghe, den Kindern als Vorbereitung auf die spätere Schule bereits in der Kita Schreiben und Rechnen beizubringen. Besonders an Shekalaghes Kita ist, dass sie eine christliche ist. Denn christlich sind in Sansibar zwei Prozent der Bevölkerung. Shekalaghes Kita hat – auch durch Beiträge der Eltern – im Vergleich zu staatlichen Kitas den Vorteil, dass die Betreuung der Kinder persönlicher und individueller ist, schon allein aufgrund kleinerer Gruppengrößen. Das weiß Shekalaghe nicht nur zu schätzen, sondern sieht darin auch einen Vorteil für die betreuten Kinder: „Sie wachsen behüteter und begleiteter auf.“

Zur „Reisegruppe“ gehören übrigens neben den beiden Kolleginnen auch Nelson S. Msangi, der die Verwaltung der evangelisch-lutherischen Kirche in seiner Heimat leitet, sowie Winifrida B. Mwambo, die in Daressalam ein Haus hat, das als Kita genutzt wird. Gemeinsam haben die fünf am vergangenen Wochenende in Begleitung von Ökumenepastor Heiner Wedemeyer, Friederike Kruse aus Heide und Ilse Mangelsdorf von Helgoland die Hansestadt Hamburg erkundet. Zu den Stationen an der Elbe zählten die Elbphilharmonie, die Alsterarkaden, Hafencity, Michel, die Krameramtsstuben sowie die Gedenkstätte für deportierte Sinti und Roma und Juden.

Für das kommende Jahr steht ein Gegenbesuch in Sansibar an – und wenn es nach den Kindern geht, die Joyce in Heide kennengelernt haben, würden sie am liebsten alle mitkommen, um im Gegenzug die Jungen und Mädchen in der Kita in Stonetown zu besuchen.

Im Bild: Erzieherin Bettina Kollek, Sprachmittlerin Shiyma Khezali, Joyce Shekalaghe aus Sansibar und Kita-Leiterin Maike Töwe mit Amira, Lana und Nastaram in der Sporthalle der Johannes-Kita in Heide. (Foto: Claussen / Kirchenkreis Dithmarschen)


Einladung: Am Freitag, 27. April, wird die Gruppe aus Sansibar ab 17 Uhr im Gemeindehaus Süderholm verabschiedet, ehe sie am Wochenende nach Hause reist. Dazu ist jeder willkommen, der sich von der Gruppe verabschieden oder sie noch kennenlernen möchte. Wer am Abschiedsfest teilnehmen möchte, meldet sich im Heider Kirchenbüro: Tel. 0481/689110.