Dieksanderkoog – Wenn am kommenden Sonntag die erste offene Führung durch die gestern eröffnete Außenausstellung an der Neulandhalle stattfindet, dann haben die Neulandhallen-Guides bereits eine mehrmonatige Schulung absolviert: An 23 Tagen (92 Unterrichtsstunden) hat der Verein Volkshochschulen in Dithmarschen die insgesamt 14 Guides geschult und mit Wissen rund um die Historie der Neulandhalle versorgt. Wissen, das über die mannsgroßen Ausstellungsbuchstaben hinausgeht; Hintergrundwissen, das in die Tiefe geht und Geschichten und Geschichte beinhaltet. Mehr, als eine Ausstellung, die in rund einer Stunde für jeden begreifbar sein soll, je vermitteln könnte.

Seit September vergangenen Jahres hat Martin Gietzelt, Leiter des Vereins Volkshochschulen in Dithmarschen, gemeinsam mit verschiedenen Referenten die Schulungen angeboten. Über Grundlagen des Präsentierens und Redens vor Gruppen ging es durch die Geschichte der Region und der Neulandhalle. Kommunikation und Sprechtechnik wurden ebenso vermittelt wie die Inhalte der neuen Außenausstellung.

Zu einem der letzten Schulungstage vor der Eröffnung des Lernortes Neulandhalle kam in Frank Trende ein profunder Kenner zu den Neulandhallen-Guides. In Dieksanderkoog aufgewachsen, kam er früh mit der Neulandhalle in Kontakt, hatte dort als Schüler einen Aushilfsjob und schrieb später das Buch „Neuland! war das Zauberwort“ (Boyens). Darin setzt er sich mit der Volksgemeinschaftsideologie auseinander und insbesondere mit der Frage: „Wo ist das Problem…?“ Denn, so Trende vor den zukünftigen Guides: „Es gab hier im Koog keine Judenverfolgung, aber es gab neues Land, neue Häuser, neue Arbeit, neue Familien haben sich angesiedelt – was sollte daran schlecht gewesen sein?“

So zeigt er nicht nur im Buch Wege der Auseinandersetzung mit dem Thema auf, sondern vermittelt vor Ort tiefe Einblicke. Beispielsweise habe die Gemeindevertretung seinerzeit vorgeschlagen, den Koog „Adolf-Hitler-Koog“ zu nennen – „nirgendwo sonst in Deutschland wurden Orte nach Hitler benannt. Hier schon.“ Daraus sei in Berlin die Idee entstanden, dieses Projekt für Propaganda zu nutzen. Diese neue Mustersiedlung nach der Volksgemeinschaftsidee sei ganz nach dem Geschmack der Nationalsozialisten gewesen, so Trende. Voraussetzung für die zukünftigen Bewohner: ein „rassisch-reiner“ Hintergrund, ein Ariernachweis, Mitglied in der NSDAP schon vor 1933 und zweite Söhne aus Bauersfamilien, meint: keine Hoferben. Trende: „Hier sollten nicht nur Kohl und Rüben aus dem Boden wachsen, sondern auch der Nationalsozialismus.“

Der Besuch beispielsweise des italienischen Landwirtschaftsministers im Koog, eine Inforeise ausländischer Journalisten zur Neulandhalle oder ein Empfang für eine Olympiasiegerin in der Halle selbst bezeugen, so Trende, wie sehr die Nationalsozialisten den damaligen Adolf-Hitler-Koog für ihre Zwecke nutzen wollten: „Dieser Koog sollte als Muster für zukünftig besetzte und eroberte Gebiete dienen, wie man Neuland gewinnt.“

Auch über das Gebäude der Neulandhalle selbst weiß Trende den Neulandhallen-Guides viel mit auf den Weg zu geben: „Die Halle ist mit Kunst ausgestattet, das gab es sonst nur in Kirchen. Man hat einen sakralen Raum geschaffen. Wo sonst ein Altar im Zentrum einer Kirche steht, ist es hier der Kamin – der ideologische Kern. Feuer hat in der völkischen Gemeinschaft ohnehin eine riesengroße Rolle gespielt – so wurden auch die neuen Häuser im Koog nicht als Häuser oder Höfe bezeichnet, sondern als Feuerstellen.“ Auch der Nebenraum der Haupthalle sei sakral gestaltet worden – mit einer Grundbibliothek (Buch Nummer eins: „Mein Kampf“ von Adolf Hitler), Hitlers Büste und einer Tafel mit Kernsätzen aus Hitlers Rede zur Einweihung. Der Glockenturm vor der Tür habe sein Übriges zum Kircheneindruck beigetragen, so Trende. Übrigens: Seit einer Renovierung der Neulandhalle 1970 gilt die Glocke verschollen. Trende: „Sie soll sich angeblich noch im Koog befinden, und ich denke, es wäre an der Zeit, dass sie hier wieder auftaucht.“

Wer sich für eine Führung interessiert, kann bis Ende Oktober jeden Sonntag um 11 Uhr an einer offenen und kostenfreien Führung teilnehmen. Eine Anmeldung hierfür ist nicht erforderlich.

Führungen für Gruppen und Schulklassen sind nach Anmeldung beim Verein für Volkshochschulen in Dithmarschen möglich, Tel. 04832-4243.